Kindliche Ausspracheentwicklung

Vom ersten Schrei zum Lautieren: Das Lallen
Schon in den ersten Minuten des Lebens gibt das Kind lautliche Äußerungen von sich. Der erste Schrei nach der Geburt eines Kindes markiert den Beginn der Lautentwicklung. In den ersten Monaten produziert das Kind Schreilaute und unwillkürliche Laute, die zum Beispiel beim Trinken entstehen (z.B. Schmatzlaute).

Ab dem 2. – 3. Lebensmonat beginnt das Kind einzelne Sprachlaute zu produzieren (Lallen), wobei meistens Laute wie „ä“ oder Gurrlaute (Laute, die hinten im Rachen gebildet werden) oder /h/ verwendet werden. Das Spektrum der vom Kind produzierten Laute  wächst stetig, wobei die Laute zunächst eher Zufallsprodukte als gezielte Lautproduktionen sind. Alle Kinder weltweit verwenden in den ersten sechs Lebensmonaten die gleichen Laute. Man nennt diese Zeit auch die 1. Lallphase.

Ab dem 6. Lebensmonat zeigen Kinder eindeutig, dass sie beginnen „sprachspezifisch“ zu lallen. Es treten vermehrt Lalläußerungen auf, die Laute und den Sprachrhythmus der Muttersprache enthalten. Kinder können nun gezielte Lautäußerungen machen, während ihnen bis dahin die Laute eher zufällig „passiert sind“. Sie hören sich und ihrem Gegenüber zu und imitieren, was sie hören. So entstehen Lallketten, z.B. rarara oder bababa oder aba. Diese Phase wird oft die 2. Lallphase, aber insbesondere das kanonische Lallen, genannt (Hörbeispiel). Die Laute, die in der eigenen Muttersprache nicht vorkommen, werden mehr und mehr vernachlässigt. Die Äußerungen der Kinder werden ab jetzt immer komplexer und variabler, so dass das Lallen sich oft bereits wie Sprechen anhört. Das kanonische Lallen ist ein wichtiger Meilenstein der Sprachentwicklung. Kinder, die bis zum 10. Lebensmonat nicht kanonisch lallen, tragen ein Risiko für spätere Sprachentwicklungsstörungen.

Während der Lallphasen übt das Kind sich nicht nur im Produzieren der Laute seiner Muttersprache (motorisches Training), sondern es lernt auch die Regeln der muttersprachlichen Intonation (Sprachmelodie), die Regeln, an welchen Stellen Laute in Wörtern stehen dürfen und welche Laute miteinander verbunden werden dürfen. Zusätzlich lernt es die Regeln, nach denen Wörter in seiner Sprache betont werden dürfen, kennen. Für das Deutsche ist das Betonungsmuster „betonte Silbe gefolgt von unbetonter Silbe“, z.B. Ampel, das prägnanteste Muster. Diese Regeln werden direkt vom Kind intuitiv aus der Umgebungssprache erfasst und sukzessive angewendet. Daher muss das Lallen als eine für den Spracherwerb bedeutsame Phase gewertet werden.  Kinder, die ausgesprochen wenig oder gar nicht lallen, erfordern unsere besondere Wachsamkeit hinsichtlich der Sprachentwicklung. Ein auffälliges Lallen kann ein frühes Symptom für spätere Sprach- oder Ausspracheprobleme darstellen.

Vom Lallen zum ersten Wort
Das eine Kind mit ca. 13 Monaten, das andere Kind etwas später: rund um das erste Lebensjahr beginnen Kinder Lautäußerungen nicht nur zum Spaß zu produzieren, sondern sie beginnen, diesen Bedeutung zu verleihen. Zum Beispiel könnte ein Kind auf einer Decke mit einer Rassel beschäftigt gewesen sein und verschiedene Laute von sich gegeben haben, als Zeichen dass es zufrieden mit sich spielt. Dabei könnten wir “ mamamam – brrr – ääää!“ gehört haben. Um den ersten Geburtstag herum könnte eben dieses Kind in die Küche gekrabbelt kommen und „Mama“ gezielt äußern, um die Aufmerksamkeit seiner Mutter zu erreichen. Hier wurde die Lallkette „mamamam“ verkürzt und mit der Bedeutung „Mutter“ versehen eingesetzt. Das Kind zeigt damit, dass es verstanden hat, dass

  • Dinge einen Namen haben,
  • man mit Sprache auf etwas Bezug nehmen kann,

Sprechen einen weiteren Sinn hat als nur das lustvolle Produzieren von Lauten.

Vom ersten Wort zur Geschichte
Sobald Kinder die Kraft der Wörter entdeckt haben, sammeln sie diese zunächst ganz langsam. Der Erwerb der ersten fünfzig Wörter dauert ca. bis zum 18.-22. Lebensmonat. Mit spätestens 24 Monaten sollte das Kind mindestens 50 Wörter erworben haben. Ist dies nicht der Fall, könnte dies ein weiteres Symptom für eine spätere Sprach- oder Aussprachestörung sein. In der Regel haben Kinder im Alter von 24 Monaten bereits ca. 200 Wörter erworben. Kinderärzte führen zum Zeitpunkt der U7 oft Screening Verfahren zum Worterwerb  (Elternfragebögen) durch, z.B. den Fragebogen SBE-2KT, mit dem Risikokinder mit zu langsamen Worterwerb aufgedeckt werden können.

Obwohl die Kinder während des Lallens eigentlich alle Laute ihrer Muttersprache verwenden, so ist das Lautrepertoire des Kindes, sobald es beginnt Wörter zu sprechen, sehr eingeschränkt. In der Regel verwenden Kinder zunächst die Vokale: „a e i o u ä ö ü ei au eu“ und die Konsonanten: „m n b p d t“.  Das Kind nimmt ein Wort „ganzheitlich“ war, das heißt es ist noch nicht in der Lage wahrzunehmen, dass ein Wort aus verschiedenen Anteilen, Silben (Ka pi tän = drei Silben) oder sogar einzelnen Lauten (Papa= p a p a = vier Laute) besteht. Es versucht das Gehörte so ähnlich wie möglich zu imitieren. Es setzt dabei zwei Techniken zur Verbesserung seiner Aussprache ein. Zum einen wiederholt es das Wort immer wieder und zum anderen hört es genau auf die Reaktion des Zuhörers und versucht, sich dieser möglichst anzupassen.

Die Zeit zwischen dem Erwerb der ersten Wörter bis zum Alter von drei Jahren stellt für die Kinder die zentrale Erwerbszeit für ihre Muttersprache(n) dar. Hier lernen sie immer mehr Bedeutungen von Wörtern kennen und üben sich darin, diese auch zu verwenden. Sobald sie 50 Wörter erworben haben, beginnen sie in der Regel diese zu kombinieren, so dass erste „Sätze“ entstehen: Nina aua, Papa Ball, Auto weg, mehr Eis. Diese Fähigkeit wird innerhalb dieser 2 Jahren perfektioniert, so dass Kinder mit drei Jahren vollständige, verständliche Sätze sprechen. Die Verständlichkeit der Kinder hängt allerdings nicht nur mit der Satzbildung zusammen, sondern im Wesentlichen auch damit, dass Kinder mehr und mehr Laute, die sie im Lallen bereits geübt haben, korrekt in Wörtern verwenden. Während die ersten Wörter fast nur aus meist korrekten Vokalen / a e i o u/ und aus den Konsonanten /p b d t m n/ bestehen, verändert sich dies insbesondere im Alter von 2-3 Jahren sehr schnell. So kann innerhalb eines Jahres aus <tatoa>, <taktoa>, < traktor> werden. Die meisten Konsonanten werden bis dreieinhalb erworben, nur das <sch> kann noch bis Mitte vier Jahren auf sich warten lassen.

Im zweiten Lebensjahr müssen Kinder aus sprachlicher Sicht zwei wesentliche Schritte vollziehen. Sie müssen zum einen die Bedeutung von Wörtern verstehen und so ihren passiven Wortschatz (die Wörter, die ein Kind versteht) und ihren aktiven Wortschatz (die Wörter, die das Kind selber verwendet) aufbauen. Zum anderen müssen sie mehr und mehr Laute erwerben, damit sie für den Zuhörer verständlicher werden. Die Vokale (a e i o u etc.) werden von den Kindern von Anfang an sehr gut beherrscht, während die Konsonanten (hier mit Buchstaben dargestellt) der deutschen Sprache von den meisten Kindern bis zum Alter von 4;5 Jahren in folgender Abfolge erworben werden:

1;6 – 2;5 m n b p d
2;6 – 2;11 w  f   l  t  ng  ch (ach)  h k s r
3;0 – 3;5 j g pf
3;6 – 3;11 z  ch  (ich)
4;0 – 4;5 sch

Kinder beginnen schon ab dem Alter von 2 Jahren Konsonantenverbindungen (z.B. br tr bl schm) zu produzieren. Konsonantenverbindungen werden in der Regel zwischen dem Alter von 3;0 – 4,5 Jahren erworben, wobei die dreiteiligen Konsonantenverbindungen wie „str“ und „spr“ als letzte erworben werden.

Inkonsequente Wortproduktionen
Im zweiten Lebensjahr ist es normal, dass Kinder in ihren Wortproduktionen sehr flexibel sind. Das gleiche Wort wird nicht immer gleich ausgesprochen (Traktor: tatoa, Katoa, Tratoa). Man nennt dies eine inkonsequente Wortproduktion. Diese Inkonsequenz kann mit der hohen Anforderung des steten Erwerbens neuer Wörter und neuer Laute begründet werden. Gegen Ende des zweites Lebensjahres, mit ca. 2;8 Jahren, stabilisiert sich dies und Kinder zeigen eindeutige Ersetzungs- und Auslassungsmuster für Laute. Das bedeutet, dass das Kind für die Umwelt recht gut zu verstehen ist, da es systematische „Fehler“ macht, die vom Zuhörer meist leicht „übersetzt“ werden können. Tritt dies nicht ein und Kinder bleiben auch für die Bezugspersonen unverständlich, sollten diese Kinder logopädisch untersucht werden.
Phonologische Prozesse
Die systematischen Auslassungen oder Ersetzungen von Sprachlauten nennt man phonologische Prozesse, worunter Folgendes zu verstehen ist: Solange ein Kind einen Laut oder eine Lautverbindung (Konsonantenverbindung) noch nicht erworben hat, ersetzt es diese oder lässt sie aus. Die Art und Weise in der Kinder Laute auslassen oder ersetzten, ist in jeder Muttersprache regelhaft, d.h. die Kinder einer Muttersprache verwenden die gleichen Muster. Die meisten Muster lassen sich sogar meist sprachenübergreifend (in allen Sprachen auftretend) finden.

Beispiel 3
Lena, 2;9 Jahre, sagt: „is tomme in den Tinderdaten in die nettenduppe“ und meint: „Ich komme in den Kindergarten in die Scheckengruppe“

Der Laut „ch“ in „ich“ wird dabei zu einem „s“. Dies passiert nicht nur in diesem Wort, sondern in allen Wörtern mit „ch“ und wahrscheinlich auch in allen Wörtern mit „sch“. Man nennt dies eine Vorverlagerung der Laute „ch“ und „sch“, da diese Laute weiter hinten im Mundraum gebildet werden als der Laut „s“. Auf gleiche Wiese werden der Laute „k“ in „komme“, in „Kindergarten“ und in „Schnecke“ und der Laut „g“ in „Kindergarten“ und Gruppe“ durch die Laute „t“ und „d“ ersetzt. Auch hier spricht man von einer Vorverlagerung, aber diesmal der sogenannten velaren Laute. Dies sind Laute, die weit hinten im Mundraum mit dem Zungenrücken gebildet werden im Gegensatz zu den Lauten „t“ und „d“, die hinter den Zähnen mit der Zungenspitze gebildet werden (siehe Abbildung 2.1 Mundraum Seitenschnitt mit Pos. t d k g).

Bei dem Wort „nettenduppe“ = Scheckengruppe“ kommt es zu einer Auslassung des „sch“ in der Konsonantenverbindung „schn“ und des Lautes „r“ in „gr“. Man nennt dies auch eine Reduktion der Konsonantenverbindung.

Phonologische Prozesse treten zu unterschiedlichen Alterszeitpunkten auf und werden auch zu unterschiedlichen Zeiten überwunden. In der nachfolgenden Tabelle finden sich die häufigsten phonologischen Prozesse des Deutschen jeweils mit Beispielen und einer Altersangabe, wann diese Prozesse überwunden sein sollten. Sollten Sie bei Ihrem Kind gehäuft Ersetzungen oder Auslassungen von Lauten feststellen, die in dieser Tabelle nicht beschrieben werden oder sollte Ihr Kind einen Prozess ca. sechs – neun Monate länger als in der Tabelle beschrieben zeigen, sollten Sie Ihr Kind logopädisch untersuchen lassen.

Phonologische Prozesse bei deutschsprachigen Kindern

Phonologische Prozesse Beispiel
bis ca. 2;5 Lj.
Vorverlagerung velarer Nasal „ng“ „Rin“ für Ring
Glottale Ersetzung von „r“ „Hing“ für Ring
bis ca. 2;11 Lj.
 Rückverlagerung von „sch“ zu „ch“ (wie in „ich“) „Chiff“ für Schiff
Auslassung/ Tilgung  unbetonter Silben „Kodil“ für Krokodil
bis ca. 3;5 Jj.
Vorverlagerung velarer Plosive „k“ und „g“ „Tamm“ für Kamm
bis ca. 3;11 Jj.
Vorverlagerung „ch“ zu „s „ „Is“ für ich
Reduktion von wortinitialen Konsonantenverbindungen „Bief“ für Brief, „Latz“ für Platz, „Tumpf“ für Strumpf, „Tift“ für Stift
bis ca. 4;11 Jj.
Vorverlagerung „sch“ zu „s“ „Sal“ für Schal

Die phonologischen Prozesse werden dadurch überwunden, dass das Kind mehr und mehr Laute erwirbt, so dass diese nicht mehr ausgelassen oder ersetzt werden müssen. Im Alter von spätestens 4;5 Jahren sollte der Lauterwerb abschlossen sein.

Das Lispeln/ der Sigmatismus
Manche Kinder (fast 40% aller Vor- und Grundschulkinder) lispeln. Das bedeutet, dass die Zunge bei der Produktion der „s“-Laute zu weit vorne ist, so dass sie an die Zähne stößt oder sogar zwischen den Zähnen hindurch geschoben wird. Man nennt dies einen Sigmatismus addentalis (Lispeln mit der Zunge ‚an den Zähnen’) oder  Sigmatismus interdentalis (Lispeln mit der Zunge ‚zwischen den Zähnen’). Manche Kinder zeigen dies schon bei ihren ersten Wörtern, z.B. „heiß“ oder „Eis“ und diese Kinder verlieren das Lispeln meist nicht von alleine, so dass eine logopädische Behandlung notwendig wird (siehe auch Kapitel 4.2.1 und 6.1). Es muss in der Regel davon ausgegangen werden, dass das Lispeln nur selten von allein überwunden wird. Manchmal gibt es sich mit dem Zahnwechsel.

Literatur über Ausspracheentwicklung im Deutschen
Für LaienFür StudierendeFür Fachkräfte
Fox-Boyer, A., Groos, I. & Schauß-Golecki, K. (2015) Aussprachestörungen – ein Ratgeber für Eltern Erzieher und Ärzte. 2. Vollständig überarbeite Auflage. Idstein: Schulz-Kirchner.
Fox-Boyer, A. (2016) kindliche Aussprachestörungen – Erwerb – Differentialdiagnostik – Therapie. 7. Überarbeitete Auflage. Idstein: Schulz-Kirchner

Fox-Boyer, A. & Schwytay, J. (2017) Phonetische und phonologische Entwicklung ab dem zweiten Lebensjahr. In. J. Siegmüller & H. Bartels (Hrgs.) Leitfaden Sprache Sprechen Stimme Schlucken. München: Elsevier S. 34-37

Fox-Boyer, A. & Neumann, S. (2017) Aussprachestörungen. In A. Mayer & T. Ulrich Sprachtherapie mit Kindern. München: Reinhardt Verlag, S. 14-84

Fox-Boyer, A. (2014) Aussprachestörungen. In Grohnfeldt, M. (Hrsg.) Grundwissen der Sprachheilpädagogik und Sprachtherapie. Stuttgart Kohlhammer (175-183)

Schäfer, B. & Fox-Boyer, A. (2017) The acquisition of initial consonant clusters in German-speaking 2-year-olds. International Journal of Speech-Language Pathology, 19,5, 476-489.

Fox-Boyer, A. & Schäfer, B. (2015): Die phonetisch-phonologische Entwicklung von Kleinkindern. In St. Sachse: Handbuch Spracherwerb und Sprachentwicklungsstörungen Band I Kleinkindphase. München: Elsevier, S. 39-62

Fox-Boyer, A. (2014): Phonologieerwerb. In Fox-Boyer, A. (Hrsg.): Handbuch Spracherwerb und Sprachentwicklungsstörungen Band II: Kindergartenphase. München: Elsevier (9-14)

Aussprachestörungen
„Unter einer Aussprachestörung versteht man mögliche Schwierigkeiten im Bereich Perzeption, Artikulation /Motorische Produktion und /oder phonologischer Repräsentation der Sprech-Segmente (Konsonanten und Vokale), der Phonotaktik (Silben und Wortformen) und der Prosodie (lexikalische und grammatikalische Töne, Rhythmus, Betonung und Intonation), die sich negativ auf die Verständlichkeit und Akzeptanz der Kinder auswirken können.“(International Expert Panel on Multilingual Children's Speech 2012)

Das bedeutet, dass die Schwierigkeiten, die Kinder zeigen können, sehr vielfältig sein können. Laute können ausgelassen, ersetzt, hinzugefügt oder fehlgebildet werden, aber es können auch Wortanteile (Silben) ausgelassen werden, wie in „Nane“ (Banane). Manche Kinder haben Schwierigkeiten mit der Wort- und Satzbetonung (Prosodie = Sprachmelodie). Manche Kinder sind auch für Außenstehende gut verständlich, andere können nur von der Familie „übersetzt“ werden und Weitere sind selbst für engste Familie kaum zu verstehen.

Aussprachestörungen können isoliert, aber auch im Kontext einer Sprachentwicklungsstörung auftreten. In der Regel sind die Ursachen für eine Aussprachestörung nicht zu ermitteln. Es gibt medizinische Diagnosen, die häufig mit Aussprachestörungen einhergehen: Syndrome, angeborenen oder frühzeitig erworbene Hörstörungen, Fehlbildungen im Kiefer-/Gesichtsbereich (z.B. Spaltbildungen, Pierre Robin Sequenz), motorische Störungen (z.B. kindliche Cerebral Parese, Muskelerkrankungen), Störungen des Autismusspektrums oder erworbene Hirnschädigungen können dazu beitragen, dass sich eine Aussprachestörung ausbildet. Hinzu kommen einige bekannte Risikofaktoren. So sind zum Beispiel Jungen viel häufiger als Mädchen betroffen und oft finden sich andere betroffene Familienmitglieder bei denen eine Aussprachestörung, Sprachentwicklungsstörung oder eine Lese-Rechtschreibstörung vorlagen oder noch vorliegt. Kinder von Müttern mit niedrigem Bildungsabschluss sind häufiger betroffen als Kinder von Müttern mit höherem Bildungsabschluss. Unklar sind der Einfluss einer Frühgeburt, Komplikationen vor, während oder kurz nach der Geburt, auffällig intensiver Sauger/Flaschengebrauch  und häufige Mittelohrentzündungen auf die Ausspracheentwicklung. Es gibt sowohl Studien, die hier einen Zusammenhang sehen, als auch solche, die diesen nicht nachweisen können.

Kinder mit Aussprachestörungen bedürfen einer Differentialdiagnose, die die Problematik (Symptomatik und mögliche Störungsart) des individuellen Kindes genau ermittelt. Hierfür sollten in jedem Fall durchgeführt werden:

  • Ein Bilderbenenntest um die Symptomatik auf Wortebene zu untersuchen. Hierbei wird das Kind gebeten ca. 100 Wörter, die dem kindlichen Wortschatz entsprechen, zu benennen. Es wird dabei überprüft, ob und welche phonologischen Prozesse bei dem Kind vorliegen und ob bestimmte Laute oder Lautverbindungen vom Kind gar nicht realisiert werden.
  • Ein Inkonsequenztest bei sehr stark unverständlichen Kindern. Hierbei wird das Kind gebeten ca. 30 Wörter innerhalb einer Therapiesitzung dreimal zu benennen. Es wird dabei überprüft in wie weit das Kind das gleiche Wort immer identisch ausspricht.
  • Eine Stimulierbarkeitsüberprüfung. Hierbei wird das Kind gebeten alle Laute der Muttersprache zu imitieren. Herbei wir überprüft, ob das Kind alle Laute der Muttersprache isoliert bilden kann.
  • Eine Überprüfung der Verständlichkeit. Hierbei werden die Eltern gebeten einen kurzen Fragebogen über die Verständlichkeit ihres Kindes in verschiedenen Situationen auszufüllen. Es soll ermittelt werden in wie weit das Kind durch seine Aussprachestörung in der Kommunikation mit anderen eingeschränkt ist.

Je nach Problematik des Kindes kommende ergänzende Untersuchungen hinzu. Mit Hilfe dieser Ergebnisse, den Informationen der Eltern über die bisherige kindliche Entwicklung (Anamnese) und eventuellen medizinischen Befunden lässt sich ermitteln, welcher Art di Aussprachestörung eines Kindes ist.

Die internationale Literatur beschreibt im Wesentlichen fünf Untergruppen von Aussprachestörungen (McLeod & Baker, 2017): 1. phonologische Abweichungen (phonological impairment), 2. inkonsequente phonologische Störung (inconsistent phonological disorder), 3. phonetische Störung (articulation disorder), 4. verbale Entwicklungsdyspraxie (childhood apraxia of speech, CAS) und 5. kindliche Dysarthrie (childhood dysarthria).

BILD

Bei Phonologische Abweichungen kommt es zu Lautersetzungen, -umstellungen, -auslassungen (phonologische Prozesse), die zur Folge hat, dass sich durch die Aufhebung phonemischer Kontraste die Bedeutung von Wörtern ändern kann, z.B. wird bei der Ersetzung von /k/ durch /t/ aus dem Wort <Kopf> <Topf>, aus dem Wort <Brot> durch Auslassung des /r/ <Boot>. Diese Veränderungen der Erwachsenensprache werden mit Hilfe „phonologischer Prozesse“ beschrieben. Die Ersetzung von k/ durch /t/ wäre z.B. der Prozess der Vorverlagerung der Velare, die Auslassung des Lautes /r/ zählt zu der Reduktion von Konsonantenverbindungen. Um ihr muttersprachliche Lautsystem zu erwerben, müssen Kinder physiologische Prozesse überwinden, die zunächst ihre Sprache vereinfachen. Für jede Sprache ist zu ermitteln, welche phonologischen Prozesse physiologischer Art sind und bis zu welchem Alter welcher Prozess überwunden werden muss (für das Deutsche siehe Fox-Boyer, 2016).

Phonologische Abweichungen lassen sich in zwei Gruppen unterteilen: die verzögerte phonologische Entwicklung und die konsequente phonologische Störung, denen in der Regel kognitiv-linguistische Schwierigkeiten zu Grunde liegen. Bei der verzögerten Entwicklung liegt mindestens ein physiologischer, phonologischer Prozess noch sechs oder mehr Monate nach dem typischen Überwindungsalter vor. Bei der konsequenten phonologischen Störung zeigt ein Kind mindestens einen pathologischen, phonologischen Prozess, d.h. dass dieser zu keinem Zeitpunkt der regelrechten Entwicklung entspricht. Zusätzlich können auch physiologisch altersgemäße oder verzögerte Prozesse vorliegen.

Bei einer diagnostizierten phonologischen Verzögerung kommt es häufig zu spontanen Verbesserungen. Diese nehmen nach einer Verzögerungsdauer von 9-12 Monaten deutlich ab. Mit Abschluss des fünften Lebensjahres (>4;11 Jahre) sind spontane Verbesserungen allerdings kaum mehr zu beobachten. Der Behandlungsbeginn sollte also in Abhängigkeit von der Verzögerungsdauer und dem chronologischen Alter entschieden werden.

Bei Kindern mit konsequenter phonologischer Störung lassen sich nur selten spontane Veränderungen der pathologischen Prozesse beobachten. Aufgrund der meist deutlichen Einschränkungen der Verständlichkeit, wird ein Therapiebeginn ab 3;6-4;0 Jahren empfohlen. Lediglich bei Vorliegen einer isolierten Kontaktassimilation sollte der Therapiebeginn erst im Alter von ca. 5 Jahren liegen.

Kinder mit einer inkonsequenten phonologischen Störung, sind nicht in der Lage, identische lexikalische Items (Wörter) eines Benenntests immer auf die gleiche Weise zu realisieren. Kinder, die mindestens 40 % der Wörter eines aus 25 Wörtern bestehenden Benenntests inkonsequent realisieren, nachdem sie diese in drei unterschiedlichen Durchgängen innerhalb einer Sitzung benannt haben, werden dieser Gruppe zugeordnet. Es besteht keinerlei orale muskuläre oder motorische Schwierigkeit, so dass das Lautinventar stimulierbar (Fähigkeit alle Laute isoliert altersgemäß korrekt zu produzieren) ist. Die Folge der inkonsequenten Wortrealisationen ist, dass die Kinder auch für ihre direkte Umgebung fast unverständlich sind. Es lassen sich keine spontanen Veränderungen während der Wartezeit beobachten. Aufgrund der hohen Unverständlichkeit ist ein Therapiebeginn sogar noch vor dem vierten Geburtstag (<3;0 Jahre) sinnvoll.

Kinder mit einer phonetischer Störung (Lautfehlbildung) zeigen eine konsistente, meist die Sibilanten (Zischlaute) betreffende Lautfehlbildung, die sich auf Laut, Wort oder Satzebene im spontanen Sprechen und in  jeder Art von Benennaufgaben nachweisen lässt. Es ist von peripher artikulatorischen Schwierigkeiten auszugehen, die myofunktionellen Störungen einhergehen können.

Da es bei Vorliegen einer phonetischen Störung nicht zu einer spontanen Besserung kommt, wird diese Problematik ohne Behandlung nicht überwunden. Uneinigkeit besteht allerdings über den besten Behandlungszeitpunkt von vor der Schule bis nach dem Zahnwechsel. Es liegen keine Daten vor, über den besten Behandlungszeitpunkt Aufschluss geben.

Bei der verbalen Entwicklungsdyspraxie (VED) handelt es sich um ein stark diskutiertes, auch als eigenständig angesehenes, Störungsbild. Da seine Hauptsymptomatik die Aussprache betrifft, wird es diesem Kapitel zugeordnet. Kinder mit VED können eine Vielfalt von Ausspracheauffälligkeiten (Auslassungen, Ersetzungen, Angleichungen) zeigen. Ihr Kernsymptom sind wie bei der inkonsequenten phonologischen Störung die hochgradig inkonsequenten Wortrealisationen. Zusätzlich werden prosodische (sprechmelodische) Auffälligkeiten und /oder Silben-Auslassungen, orale Dyspraxien und/oder Suchbewegungen beschrieben, verursacht durch eingeschränkte Fähigkeiten des motorischen Planung und oder der Programmierung von sprechmotorischen Sequenzen. Da es nicht zu spontanen Verbesserungen kommt, ist eine logopädische Therapie so früh wie möglich anzusetzen evtl. schon im Rahmen der Frühförderung.

Kinder mit einer kindlichen Dysarthrie zeigen Schwierigkeiten in der Produktion präziser motorischer Pläne und der Kontrolle der Sprechproduktion bei einer vorliegenden neurologischen Grunderkrankung. Kinder mit Dysarthrie können Symptome von oro-muskulärer Schwäche oder Koordinationsschwierigkeiten und auffälligem Muskeltonus zeigen. Auch hier beginnt die logopädische Behandlung schon im Rahmen der Frühförderung.

Therapie von Aussprachestörung

Da den verschiedenen Formen der Aussprachestörungen unterschiedliche Probleme in der Sprachverarbeitung zugrunde liegen, ist es notwendig die Therapie auf diese Probleme auszurichten. Das bedeutet, dass es nicht den einen Ansatz zur Behandlung von Aussprachestörungen gibt, sondern, das Therapeuten Kenntnis von verschiedenen Ansätzen haben müssen, damit den Kindern effektiv geholfen werden kann.

Kinder mit einer phonologischen Verzögerung und einer konsequenten phonologischen Störung profitieren am meisten von einer phonologischen Behandlung, die zunächst auf das Hören, speziell auf das Unterscheiden von Lauten abzielt. Erst später wird auch das Sprechen des Kindes in die Behandlung integriert. Ziel der Behandlung ist, dass das Kind den Unterschied zwischen Lauten und Lautgruppen versteht, korrekt abspeichert und schließlich in seinem Sprechen realisiert. Phonologische Ansätze, die in Deutschland angewendet werden, sind: Psycholinguistisch orientierte Phonologie Therapie (P.O.P.T. Fox-Boyer, 2016), Metaphon (Howel & Dean, 1991), Cyclische Therapie (Hodson & Paden, 2010) und Minimalpaartherapie.

Bei Kindern mit einer inkonsequenten Störung steht zunächst der Abbau der Inkonsequenz im Mittelpunkt der Behandlung. Später erfolgt die Arbeit am korrekten Einsatz der Laute beim Sprechen. Im Rahmen der Inkonsequenztherapie (Fox-Boyer, 2016) wird am korrekten Nachsprechen, dem korrekten Erkennen von Lautreihenfolgen, dem Silbensegmentieren und dem Aufbau korrekter Wörter (Kern-Vokabular Therapie, Dodd, 2015) gearbeitet.

Bei der Phonetischen Störung steht das Anbahnen und Generalisieren eines korrekt gebildeten Lautes im Vordergrund. Damit einhergehen können Hörübungen und spezifische auf den Laut fokussierte Mund- und Zungenmotorische Übungen. Unspezifische Übungen sind nicht sinnvoll (Artikel). Die effektivste Therapiemethode ist die klassische Artikulationstherapie nach Van Riper. Sie setzt allerdings tägliches intensives Üben zu Hause voraus, damit es zu einer Übertragung des Gelernten in das spontane Sprechen kommt.

 

 

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